Jeder stirbt für sich allein
Audio-walk-performance nach Hans Fallada
Mit: Lisa Bihl und Jonas Baeck
Inszenierung: Stefan Herrmann
Produktion: The Beautiful Minds in Kooperation mit dem Orangerie Theater Köln
Making the story
Mit: Lev Friedmann, Anja Jazeschann, Stefan H. Kraft, Mariana Sadovska, Jörg Ritzenhoff
Künstlerische Leitung: André Erlen, Stefan H. Kraft
Inszenierung: André Erlen
Produktion: Futur3 – Freies Theaterkollektiv Köln in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel
Kurt Hackenberg Preis 2025
Laudatio für „Jeder stirbt für sich allein“ von The Beautiful Minds
Die Anfänge des Naziregimes bis hin zum Beginn des vermeintlich erfolgreichen Krieges nehmen der Berliner Schreiner Otto Quangel und seine Frau Anna noch kritiklos und durchaus wohlwollend hin. Zwei Mitläufer unter vielen.
Ein Schicksalsschlag wird alles verändern: Otto, ihr einziger Sohn, fällt an der Front. Aus den beiden Mitläufern werden, zunächst unbemerkt, zwei glühende Regimegegner. Mit selbstgeschriebenen Postkarten, die sie unter Lebensgefahr in der Stadt verteilen, wollen sie weitere Menschen zum Umdenken bewegen. Es kommt wie es kommen muss: Die beiden werden entdeckt und zum Tod verurteilt.
Die Produktion „Jeder stirbt für sich allein“ basiert auf dem 1947 erschienenen gleichnamigen Roman von Hans Fallada, der sich an einem wahren Fall orientiert und als erster Roman eines nicht-emigrierten Schriftstellers über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus gilt. Angesichts der Weltlage im Jahr 2025 gewinnen literarische Stoffe wie dieser zurzeit wieder so sehr an Aktualität, dass man ihn auch einfach als klassisches Theaterstück hätte inszenieren können.
Das Ensemble „The Beautiful Minds“ ging unter Regie von Stefan Herrmann aber einen Schritt weiter und verwob Elemente aus dem Roman mit den Geschichten zweier realer Holocaust-Überlebender zu einem theatralen Audiowalk. Dieser führt die Zuschauerinnen und Zuschauer von einer bürgerlichen Wohnzimmerkulisse im Kölner Stadtmuseum durch die Innenstadt und schließlich über die Hohenzollernbrücke und zum Mahnmal vor den ehemaligen Messehallen in Deutz.
An wechselnden Stationen verkörpern Lisa Bihl und Jonas Baeck mit beklemmender Eindringlichkeit die Quangels mit all ihren Ängsten, Zweifeln und schließlich ihrem Mut, der zum guten Teil auch daraus resultiert, dass der Tod des einzigen Sohnes ihre „alten“ Lebenspläne und Überzeugungen über den Haufen geworfen hat. Zwischen den Spielszenen werden die Erinnerungen eines polnischen Juden und einer Sintiza erzählt, die wie durch ein Wunder die Nazigräuel überlebten. Während die Geschichte des – mittlerweile nicht mehr lebenden - Mannes von einer Vertreterin des Vereins „Zweitzeugen“ erzählt wird, hört man die Stimme der hochbetagten Frau über Kopfhörer.
Verbunden mit den wechselnden Stationen – etwa der schlichten Bodenplatte zu Beginn der Hohenzollernbrücke, die an die Deportation von 1000 Roma und Sinti erinnert – entsteht somit eine Intensität, die die Teilnehmenden immer wieder an ihre emotionalen Grenzen bringt. Gleichzeitig tauchen in den Erinnerungen hin und wieder kleine Momente der Hoffnung auf, etwa wenn dem im Untergrund lebenden Mann durch eine kleine Geste unschätzbare Hilfe zuteil wird – durch eine Toilettenfrau, die instinktiv seine Notlage erkannt hat und einfach handelt.
„Nie wieder ist jetzt“ – ein Gedanke, der in dieser Inszenierung nicht explizit erwähnt werden muss – er ist einfach da.
Die Jury würdigt dies mit der Verleihung des Kurt-Hackenberg-Preises für politisches Theater 2025 – Herzlichen Glückwunsch an The Beautiful Minds!
Kurt Hackenberg Preis 2025
Laudatio für „Making the story. Ukrainische Fixer im Krieg“ von Futur3 in Kooperation mit dem Schauspiel Köln
Faster, Baby. Faster – this is journalism. Wenn dieser Satz fällt, spürt das Publikum das Tempo und die drängende Eile längst. Fordernd die Musik, hastig die Bewegung der Schauspielenden. Zeit bleibt keine im Business der Kriegsberichterstattung: „Making the Story – Ukrainische Fi-xer im Krieg“ ist eine außergewöhnliche Theaterarbeit, die das komplexe Verhältnis von Me-dien und Krieg erfahrbar werden lässt. Unter der künstlerischen Leitung von André Erlen und Stefan H. Kraft gelingt Futur3 mit dieser Produktion eine äußerst stimmige Balance zwischen der Dokumentation journalistischer Routinen und ästhetischer Verdichtung von Recherchema-terial. Der beeindruckende Abend über das Berufsfeld von Fixerinnen und Fixern basiert auf Interviews, die von Futur3 vor Ort während einer Reise in die Ukraine geführt wurden. Lev Friedmann, Anja Jazeschann und Stefan H. Kraft verkörpern die Gesprächpartnerinnen und -partner auf der Bühne: sachlich und zugleich emphatisch, körperbetont, nicht ohne satiri-schen Gestus, immer dann, wenn es darum geht, die selbstgefällige Überheblichkeit der in-ternationalen Presse aufzuzeigen.
Journalismus ist für seine Berichte und Reportagen von der Front auf Menschen angewiesen, die vor Ort leben und dabei helfen, dass aus Ereignissen Nachrichten werden – auf eben jene Fixerinnen und Fixer. Sie organisieren, übersetzen, stellen Kontakte her. Futur3 gibt diesen Per-sonen, die oftmals ihr Leben auf’s Spiel setzen, eine Stimme und zeigt die Grausamkeit des Krieges – und die Schwierigkeiten, darüber zu berichten. In der Inszenierung von André Erlen greifen alle Gewerke des Theaters mehr als schlüssig ineinander: das Bühnenbild von Petra Maria Wirth ist ein Nicht-Ort der flüchtigen Begegnungen, die Kostüme von Julie Wiesen zeu-gen von Alltäglichkeit. Valerij Lisac visualisiert die Kriegsgeschehnisse und die Menschen, die darüber berichten, in eindrücklichen Videoprojektionen, die ein komplexes Ganzes mit dem Geschehen auf der Bühne bilden (Licht: Boris Kahnert).
So entsteht in zehn Episoden ein intensives und nahbares Bild des ukrainischen Alltags im Krieg. Der Abend ist klug gebaut (Dramaturgie: Lea Goebel), changierend zwischen einem Blick hinter die Kulissen und den großen Fragen des Krieges. Die Musik von Mariana Sadovska und Jörg Ritzenhoff – beide sind live auf der Bühne – setzt und akzentuiert die verschiedenen Stim-mungen: Verzweiflung, Trauer, aber auch ein unbändiger Wille, sich zur Wehr zu setzen einer-seits und der Kampf um Aufmerksamkeit andererseits, der Druck, immer schneller sein zu müs-sen als die Konkurrenz. Die Notwendigkeit, Bilder zu machen – und die grauenhaften Aufnah-men von brutal ermordeten Menschen in Butcha. Futur3 schafft eine Öffentlichkeit für die Medialisierung eines Krieges, der längst schon ein Krieg der Bilder und Geschichten ist. Damit leistet „Making the Story“ politische Aufklärung mit künstlerischen Mitteln in avancierter Form. Die Jury würdigt dies mit der Verleihung des Kurt-Hackenberg-Preises für politisches Theater 2025 – und gratuliert herzlich.
NOMINIERUNGEN 2025
Nominierungen für das 1. Halbjahr 2025:
Femme with gun
von Anna Marienfeld und Andrea Bleikamp (Text und Konzept)
Mit: Anna Marienfeld
Inszenierung: Andrea Bleikamp
Produktion: studio trafique
Making the story
Mit: Lev Friedmann, Anja Jazeschann, Stefan H. Kraft, Mariana Sadovska, Jörg Ritzenhoff
Künstlerische Leitung: André Erlen, Stefan H. Kraft
Inszenierung: André Erlen
Produktion: Futur3 – Freies Theaterkollektiv Köln in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Köln
Traudl Junge – Im Schatten des Bösen
Mit: Daniel Breitfelder, Sebastian Kreyer
Konzept & Regie: Produktionsbüro Petra P.
Nominierungen für das 2. Halbjahr 2025:
Jeder stirbt für sich allein
Audio-walk-performance nach Hans Fallada
Mit: Lisa Bihl und Jonas Baeck
Inszenierung: Stefan Herrmann
Produktion: The Beautiful Minds in Kooperation mit dem Orangerie Theater Köln
In The Meantime: A Play Across Two Continents
von Amineh Arani
Mit: Amineh Arani, Mohammad Kamal Alavi, Roxana Samadi
Inszenierung: Amineh Arani
Produktion: Orangerie Theater Köln in Koproduktion mit den Schauspiel Köln